Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Zur Gründungsgeschichte des Vereins

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Es waren die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges, die vor knapp 100 Jahren zur Gründung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge führten. Unter dem Eindruck des bis dahin unvorstellbaren Ausmaßes an Zerstörung und Leid sollte eine Organisation ins Leben gerufen werden, die sich um die „fern der Heimat“ liegenden Gräber der mehr als zwei Millionen Gefallenen kümmert und deren Angehörige unterstützt. Die noch junge Reichsregierung war in der unbeständigen Nachkriegszeit weder organisatorisch noch wirtschaftlich in der Lage, sich der Grabpflege für die Millionen Toten des Ersten Weltkrieges zu widmen.
Am 16. Dezember 1919 wurde der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Berlin gegründet.

Der Tenor im ersten Werbe-Aufruf des neu gegründeten Vereins war pazifistisch geprägt und rief zu „gemeinsame(r) Totenehrung jenseits allen Völkerhasses“ auf. Zu den ersten Vorstandsmitgliedern gehörten der Gelehrte und Orientalist Ernst Jaeckh, der sich für die Idee des Völkerbundes einsetzte, der jüdische Direktor der Commerzbank Julius Rosenberger und der Architekt und spätere Erbauer des Berliner Funkturms Heinrich Straumer, um die bis heute bekanntesten Persönlichkeiten zu nennen.

Gemäß der Losung „Ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Partei“ fanden sich unter den 92 Mitgliedern des Verwaltungsrates im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die den Spendenaufruf ebenfalls unterzeichnet hatten, Vertreter der verschiedenen Parteien, der Wirtschaft und des Militärs, der Gewerkschaften, des Roten Kreuzes und des Caritasverbandes. Bischöfe christlicher und Rabbiner jüdischer Gemeinden unterstützten den Volksbund ebenso wie Konrad Adenauer, Walther Rathenau, Hjalmar Schacht und Conrad von Borsig. Zu weiteren Persönlichkeiten aus allen Teilen des damaligen Deutschen Reiches zählten der gebürtige Hamburger Peter Behrens, einer der einflussreichsten deutschen Gestalter des 20. Jahrhunderts, die Dichter Richard Dehmel und Gerhart Hauptmann, der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt, sowie die Maler und Bildhauer August Gaul, Georg Kolbe, Max Pechstein und Max Liebermann. Aus Hamburg kam namhafte Unterstützung von Oberbaudirektor Fritz Schumacher.

Rasch entstanden im ganzen Reichsgebiet Landes-, Bezirks- und Ortsverbände des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ein halbes Jahr nach der Gründung des Volksbundes in Berlin wurde der Landesverband Hamburg ins Leben gerufen und im Juli 1920 ins Vereinsregister der Hansestadt eingetragen. Die erste konstituierende Sitzung, initiiert von drei Damen, fand in Räumen des Wilhelm-Gymnasiums an der Moorweide statt, dem späteren Altbau der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Dr. Almuth Hartmann führte eine umfangreiche Korrespondenz mit in- und ausländischen Behörden, um die Lage der Kriegsgefangenen zu verbessern. Einer ihrer Söhne war gefallen, der andere in Kriegsgefangenschaft geraten. Amanda Fera, die ihren einzigen Sohn bei St. Quentin in Nordfrankreich verloren hatte, stellte ihre Wohnung am Alsterufer für die erste Geschäftsstelle des Landesverbandes zur Verfügung. Fera reiste alljährlich, allein und unter schwierigen Bedingungen, nach Nordfrankreich, um sich vor Ort über den Fortgang der Arbeiten auf den Friedhöfen zu erkundigen. Ihre mitgebrachten Skizzen halfen, Angehörigen Auskünfte über die Grablagen mitteilen zu können.  Unterstützt wurde sie von sogenannten französischen „Vertrauensmännern“, die sich - der Erbfeindschaft zum Trotz – für die Gräber der deutschen Soldaten verantwortlich fühlten.

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Die Initiatorinnen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. 

Thekla Haerlin, die dritte Gründerin des Hamburger Landesverbandes, betrauerte zwei Söhne: Wilhelm und Otto hatten sich als junge Kriegsfreiwillige gemeldet, und schon im November 1914 starben die beiden Brüder innerhalb nur einer Woche. Sie sind auf dem größten deutschen Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges bestattet, im belgischen Menen. Thekla Haerlin besaß in Hamburg mit ihrem Mann Friedrich das Hotel „Vier Jahreszeiten“. Als 1924 der Bundesvertretertag des Volksbundes mit mehr als 100 Teilnehmenden aus dem ganzen Reichsgebiet in der Universität Hamburg stattfand, wurden die Gäste unentgeltlich im Hotel Vier Jahreszeiten aufgenommen. 

Der Friedhof St. Quentin in Nordfrankreich wurde zum Patenfriedhof des Landesverbandes Hamburg ernannt. Die besondere Fürsorge hält bis heute an, und bis vor einigen Jahren fanden dort vom Hamburger Landesverband aus regelmäßig deutsch-französische Jugendbegegnungen statt. 

In Hamburg wurde mit öffentlichen Lichtbildervorträgen unermüdlich für die Belange der Kriegsgräberfürsorge geworben. Das Ziel, für die „40.000 gefallenen Söhne der Stadt“ je ein Mitglied zu gewinnen, wurde in den 20er Jahren nicht erreicht. Die Zahl der Mitglieder in Hamburg bewegte sich – wie noch bis zum Jahr 2000 – zwischen 3.000 und 4.000. Einzelne Mitglieder, so etwa Carl Hagenbeck, übernahmen eine Patenschaft für einen deutschen Soldatenfriedhof im Ausland. Die Mitgliedsbeiträge wurden damals oft bar an der Haustür eingenommen. Eine Kassiererin, die 1924 von Almuth Hartmann für die Mitarbeit im Volksbund geworben worden war, schildert rückblickend ihre Erlebnisse:

„In St. Pauli hatte ich ein treues Mitglied, ein altes Mütterchen, (das) ihren Sohn im … Krieg verloren hatte, (die Frau) hatte ein Holzbein, aber jedes Jahr zählte sie mir 150 Kupferpfennige mit lieben Worten in die Hand. Am Hafen … war der Wirt einer Hafenschenke ein treues Mitglied, seine Gäste waren geschäftliche Zuhälter und Arbeiter“, die ihren Beitrag oft „stunden“ mussten. „Hamburg war in den 20er Jahren noch sehr (rot)“ fügt die Kassiererin hinzu und fährt fort: „Es war in einem Hinterhaus ein Zuhälter …, was ich aber nicht wusste. Ich wurde durch einen dunklen Gang ins Wohnzimmer geführt, in dem drei Männer anwesend waren. Der Besitzer der Wohnung sagte mir nur `wir haben heute kein Geld‘, ich (solle) wiederkommen.“

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Heimkehrende Soldaten

Die Volksbund-Kassiererin berichtete außerdem von den Volkstrauertagen – die damals am ersten Sonntag im März stattfanden - im üppig mit „Vierlander“ Blumen geschmückten Michel, von einem Gedenkbuch für die „40.000 Gefallenen“ der Stadt, das dem Hamburger Senat von Almuth Hartmann übergeben worden war und von den erfolgreichen Weihnachtsmessen des Volksbundes im Hamburger Curio-Haus.

Bis heute wird der Volkstrauertag gemeinsam mit Senat und Bürgerschaft wieder in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis begangen. Zuvor hatte er viele Jahre bis 2005 seinen Platz in der Musikhalle, der heutigen Laeiszhalle.

Siegfried Emmo Eulen gilt gemeinhin als Gründer des Volksbundes. Eulen hatte im Ersten Weltkrieg seit 1917 als Gräberverwaltungsoffizier an der deutschen Ostfront gedient. Sein erster Posten im Volksbund war der des Generalsekretärs. Äußerte er 1922 noch seine Bedenken, ein Mitglied des Kyffhäuserbundes in den Bundesvorstand des Volksbundes wählen zu lassen – der Volksbund solle überparteilich bleiben – so wird Eulens Haltung später zunehmend nationalistischer. Aus einer relativ unbedeutenden Stellung heraus als Major der Reserve ergreift er die Chance, im Volksbund Karriere zu machen. Über die gesamten 12 Jahre der NS-Herrschaft war Eulen Präsident oder – wie es damals hieß – Bundesführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, bis zu seinem Tod 1945 infolge einer Kriegsverletzung. Dass die fast 26jährige Tätigkeit Siegfried Eulens in höchster Position später über lange Jahre nicht kritisch beleuchtet wurde, wird dem Volksbund zu Recht vorgeworfen.

Der Chef-Architekt des Volksbundes, Robert Tischler, diente von 1926 bis zu seinem Tod 1959 vergleichbar lange und über drei politische Systeme hinweg im Volksbund. Tischlers Friedhofsanlagen sollten „die deutsche Heimat in fremder Erde“ symbolisieren – und werden oft als monumentale, martialische und raumgreifende Totenburgen empfunden. Der Rundbau auf dem Ohlsdorfer Friedhof, die Soldatengedenkhalle, ist ein vergleichsweise bescheidener Tischler-Bau.

Das 10jährige Jubiläum des Landesverbandes Hamburg wurde 1930 mit einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle begangen. Im Dezember 1933 wird der Bundesvertretertag in Berlin „im Zeichen des neuen Reiches“ eröffnet, mit dem Plan der „Einführung des Führergrundsatzes“. Der damalige Hamburger Landesvorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Harald Poelchau, erhebt Einspruch: Da der Landesverband ein eingetragener Verein sei, sei eine Änderung der Satzung nur mit ¾ Mehrheit aller Stimmen des Hamburger Landesvorstands möglich. Siegfried Eulen hingegen erläutert, dass „Vertreter der Demokratie“ und „ein parlamentarisches System“ die „Volksbundarbeit in den vergangenen Jahren …gehemmt habe.“ Ziel sei nun das „Ausmerzen von Fehlern“, wozu „in erster Linie die Beseitigung der Eintragung einzelner Glieder des Volksbundes in das Vereinsregister (gehöre).“ In der Folge wurde der Hamburger Landesverband aufgelöst und als Bezirksverband dem Gau Nordmark unterstellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg heißt es 1946 im Jahresbericht der Hamburger Senatskanzlei, dass „das Ansehen des Volksbundes in Hamburg stark durch seine viel zu enge Bindung in den letzten Jahren an die NSDAP gelitten hat.“ Dennoch genehmigte die Militär-Regierung im gleichen Jahr die Wiederaufnahme seiner Tätigkeit. Da die Arbeit „jenseits der deutschen Grenzen“ vorläufig noch verschlossen war, sollte sich der Volksbund „in größerem Maße als früher in die Betreuung der Ehrenstätten für die in der Heimat beerdigten Wehrmachtsangehörigen“ einsetzen und zur „würdigen Gestaltung der Deutschen Kriegerfriedhöfe in Ohlsdorf beitragen.“

Der Hamburger Landesverband setzte sich schon früh für die Jugendarbeit ein. In einer Ansprache vor Schülern des Hansa-Gymnasiums in Hamburg Bergedorf 1954 warnte der damalige Vorsitzende vor Nationalismus und beschwor den ein Jahr zuvor im ersten internationalen Jugendlager auf einem Friedhof in Belgien geprägten Leitsatz „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“.

Bereits 1972 besuchten 18 Jugendliche aus Leningrad den Hamburger Volksbund. Zum Besuchsprogramm gehörte auch der Bergedorfer Friedhof, auf dem mehr als 650 sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus dem KZ Neuengamme bestattet sind. Bis heute finden an diesen Kriegsgräbern Schulprojekte und im Frühjahr Pflegeaktionen statt. 2002 veranlasste der Landesverband Hamburg dort die Aufstellung einer Skulptur „Die Trauernde“ eines St. Petersburger Bildhauers. An den Kosten beteiligte sich die Stadt Hamburg. Im Rahmen der Städtepartnerschaft Hamburg – St. Petersburg gibt es seit vielen Jahren gemeinsame Projekte, und oft sind es die von der Stadt geförderten binationalen Jugendbegegnungen des Volksbundes, die helfen, angespannte politische Situationen zu befrieden. Im Jahre 2000 wurde der größte deutsche Soldatenfriedhof des Volksbundes eingeweiht. Sologubowka bei St. Petersburg soll eines Tages etwa 80.000 Gräber beherbergen. An der Einweihung nahmen Bürgermeister Ortwin Runde und Senatorin Dorothee Stapelfeldt teil.

1981 führte der Vorsitzende des Landesverbandes Hamburg, Oberschulrat Curt Zahn, einen Gedenktag am Vortag des Volkstrauertages ein - für die etwa 55.000 Kriegstoten des Ohlsdorfer Friedhofes. Fortan wurden am Sonnabend vor dem Volkstrauertag fünf unterschiedliche Kriegsgräberstätten besucht: Stets die der Bombenopfer, der Soldatengräber und der KZ-Opfer – die Gräberanlagen der Widerstandskämpfer, der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter verschiedener Nationen und der jüdischen Opfer wurden im jährlichen Wechsel berücksichtigt. Den Anstoß zu dieser Gedenkveranstaltung hatten Jugendliche aus dem sogenannten Jugendarbeitskreis gegeben. Sie hegten eine starke Abneigung gegen ritualisierte Kranzniederlegungen, erforschten Hintergründe und stellten an den verschiedenen Kriegsgräberstätten Biographien vor. Bis heute wird diese Veranstaltung im Hamburger Landesverband mit vielen Gästen erfolgreich durchgeführt. 

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Soldatenfriedhöfe um Baupame, Frankreich.

Von Hamburg aus erging außerdem die Initiative zur Gründung des sogenannten Riga-Komitees. Der damalige Vorsitzende Senator a. D. Günter Apel rief sie im Jahr 2000 ins Leben. Unter der Leitung des Volksbundes schlossen sich Städte aus Deutschland und Österreich zusammen, aus denen 1941 und 1942 jüdische Mitbürger nach Riga deportiert worden waren. Dem Komitee gehören heute 55 Städte und Gemeinden an. Der Volksbund errichtete in Riga eine Gedenkstätte für die ermordeten Juden und veröffentlichte 2003 mit dem „Buch der Erinnerung“ hierzu die Namen aller Deportierten.

An dem Bau einer Gedenkstätte in Trostenez bei Minsk, Belarus, die an das größte nationalsozialistische Massenvernichtungslager auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion erinnern soll, ist der Volksbund ebenfalls beteiligt. 

Seit 2003 beteiligt sich der Hamburger Volksbund im Rahmen der Europawoche mit einem Gedenktag zum Ende des 2. Weltkrieges am 8. Mai. An der sogenannten Internationalen Kriegsgräberstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof, auf dem mehr als 3.500 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus 35 Ländern bestattet sind, wird dieser Tag stets begangen, mit Beteiligung der Konsulate, Vertretern der Stadt Hamburg und Jugendlichen.

Bis heute gibt es im Volksbund lebhafte und kontroverse Auseinandersetzungen. Es ist erfreulich, dass es 2017 gelungen ist, mit den Vorständen der 16 Bundesländer ein Leitbild zu entwickeln, dessen Inhalt jetzt alle Verantwortlichen mittragen. Ein wissenschaftlicher Beirat, 2002 vom ehemaligen niedersächsischen Kultusminister und langjährigem Vorsitzenden des Landesverbandes Niedersachsen, Professor Rolf Wernstedt, ins Leben gerufen, gibt wichtige Impulse. Eine zusammenhängende „Geschichte des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ soll zum 100jährigen Jubiläum des Volksbundes publiziert werden.

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Oktavia Christ
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Zitate und Fotos hier und im Folgenden stammen aus Archivalien des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Landesgeschäftsstelle Hamburg, Bundesgeschäftsstelle Kassel und der Zeitschrift „Kriegsgräberfürsorge“ 1921-1982.