Die Revolution 1918/1919 in Hamburg

Ein Vorwort von Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte.

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Soldaten in Uniformen ohne Rangabzeichen, bewaffnet oder unbewaffnet, zivile Frauen und Männer in warmer Winterkleidung, zuweilen auch Kinder und Jugendliche - dynamisch schreiten sie Seite an Seite vorwärts, posieren in entschlossener Haltung vor dem Betrachter oder zeigen sich vereint inmitten großer Menschenansammlungen. In unserem kollektiven historischen Gedächtnis sind es zumeist derartige Schwarzweiß-Fotografien von Menschengruppen im öffentlichen Straßenraum, in denen sich die revolutionären Ereignisse in Deutschland in den Wintermonaten 1918/19 am Ende des Ersten Weltkriegs kristallisiert haben. Auch für Hamburg existiert eine ganze Reihe solcher Bildzeugnisse. Schlaglichtartig konservieren sie einzelne Momente aus den seinerzeitigen Geschehnissen in der zweitgrößten Stadt Deutschlands. Bei genauerer Befassung mit den Fotografien ergeben sich viele Fragen, ohne deren Beantwortung die Szenerien letztlich nicht voll verständlich werden. Im Kern sind es eben jene Fragen nach Akteuren, Abläufen, Bedingungen und Bedeutungen, die sich auch generell bei der Annäherung an die gravierenden gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in Hamburg zwischen November 1918 und Sommer 1919 ergeben.

 

Rathausmarkt Hamburg 1919 Inv  Nr 2014 653

Längst ist in Wissenschaft und Publizistik thematisiert worden, wie lohnend es wäre, zum einhundertsten Jahrestag der Novemberrevolution von 1918 in Deutschland den konkreten Ereignissen wieder Aufmerksamkeit zu schenken und über Neubewertungen nachzudenken, die in der jüngeren Vergangenheit eher weniger im Blick der nationalen Erinnerungskultur standen. Auch in der hamburgischen Regionalgeschichtsforschung spielten die Umbrüche von 1918/19 jahrzehntelang allenfalls eine untergeordnete Rolle. Vor diesem Hintergrund fiel im Museum für Hamburgische Geschichte früh der Entschluss zu einer Beteiligung an den aktuellen Bemühungen um Erweiterung der bisherigen Revolutionsforschung. Ein Sonderaus­stellungsvorhaben zum Thema mit Fokus auf die Freie und Hansestadt wurde auf die Agenda gesetzt, das im Zentrum der Museumsarbeit des Jahres 2018 steht und die Kenntnis dieser wichtigen Demokratisierungsphase in eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln anstrebt.  

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Prof. Dr. Hans-Jörg Czech leitet das Museum für Hamburgische Geschichte.

Aus der Idee konnten dank günstiger Rahmenbedingungen bald ein engagiertes Projekt und schließlich eine außergewöhnliche Ausstellungsrealisation werden. Mit ihren Exponaten und Darstellungen sowie einem umfänglichen Begleitprogramm bildet sie einen der Schwerpunkte des vom Senat der Freien und Hansestadt initiierten Themenjahrs unter dem Motto „Hamburg 1918/19 – Aufbruch in die Demokratie“, das Aktivitäten zahlreicher Hamburger Institutionen in 2018 und 2019 umfasst, die darauf zielen, die Abläufe und Errungenschaften der Revolution nach dem Ende des Kaiserreichs für die Stadt im konzertierten Zusammenwirken ins breite Bewusstsein zu rücken oder auch zur Diskussion zu stellen.

"Noch nie zuvor hat es eine umfassende Ausstellung zu den Ereignissen und Bedeutungsfacetten der Revolution von 1918/19 in Hamburg gegeben."

Eine große Herausforderung für das Ausstellungsvorhaben lag darin begründet, dass den Ereignissen und Bedeutungsfacetten der Revolution von 1918/19 in Hamburg zu Anfang der Planungen tatsächlich erst in wenigen Aspekten wissenschaftliche Aufarbeitung zuteil geworden war. Eine umfassende Ausstellung zu dieser Thematik hatte es obendrein überhaupt noch nicht gegeben. Vertiefende Forschungen und die systematische Suche nach Quellen sowie Exponaten waren also unabdingbare Voraussetzung für die Erarbeitung einer musealen Präsentation. Der Senatskanzlei und der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg gilt es großen Dank zu zollen, dass für diese Vorarbeiten die notwendigen personellen Ressourcen geschaffen werden konnten. Die Ergebnisse der hiermit möglichen Recherche- und Auswertungsaktivitäten flossen unmittelbar in die realisierte Sonderausstellung, und den Begleitband mit ein. 

Eine zweite, äußerst wichtige Basis für die erfolgreiche Realisierung des Projektes bildete ein wissenschaftliches Symposium, das unter dem Titel „Die Revolution 1918/19 in Hamburg. Ereignisse, Vergleiche und Bewertungen“ im Juni 2017 im Museum für Hamburgische Geschichte durchgeführt wurde. Mit der Beteiligung von Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachdisziplinen wurde dabei das Ziel verfolgt, das bis dato bereits vorhandene Wissen zu den Umwälzungen in Hamburg während der Jahre 1918 und 1919 zusammenzutragen und vor aktuellem Hintergrund neu zu bewerten. Die Durchführung des Symposiums selbst wäre nicht möglich gewesen ohne die organisatorische Unterstützung und großzügige Förderung durch die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg sowie die Mitwirkung der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte der Universität Hamburg, des Vereins für Hamburgische Geschichte und der Landeszentrale für politische Bildung. Hierfür sowie für die beratende Begleitung der gesamten Ausstellungsvorbereitungen und der Annäherung an die Aufarbeitung der im Rahmen des Symposiums aufgezeigten Forschungsdesiderate gilt den beteiligten Vertretern der genannten Einrichtungen ebenfalls ein großes Dankeschön, namentlich insbesondere Frau PD Dr. Kirsten Heinsohn, Herrn Prof. Dr. Franklin Kopitzsch, Herrn Prof. Dr. Rainer Nicolaysen und Frau Dr. Sabine Bamberger-Stemmann.

 

1819 Veranstaltung Alltag Vorschau

Für die Ausstellung konnte eine stattliche Anzahl von etwa 300 aussagekräftigen Objekten aus dem Kontext der Novemberrevolution zusammengetragen werden. Dass dieses möglich wurde, ist der Ausleihbereitschaft und freundlichen Unterstützung zahlreicher institutioneller und privater Leihgeber geschuldet. Die finanziellen Voraussetzungen für die Schaffung einer adäquaten Ausstellungsgestaltung sowie für die Vermittlung und Bewerbung schuf die maßgebliche Förderung des Projekts durch Mittel aus dem Ausstellungsfonds der Freien und Hansestadt Hamburg. 

„In Hamburg fand in den Jahren 1918 und 1919 ein von weiten Teilen der Bevölkerung getragener Prozess des Umbruchs in eine neue demokratische Ordnung statt.“

Die Ausstellung und die in ihrem Kontext entstandenen Forschungen können aufzeigen, dass in Hamburg in den Jahren 1918 und 1919 tatsächlich ein von weiten Teilen der Bevölkerung getragener Prozess des Umbruchs in eine neue demokratische Ordnung stattfand, dessen Errungenschaften bis in die Gegenwart nachwirken. Doch es gab auch Gegenkräfte, irritative Abläufe und Bedrohungen. Viele Aspekte, darunter auch die Frage nach der Relevanz der Hamburger Revolution für die heutige Demokratievermittlung, bedürfen einer weiterführenden lebendigen Diskussion in möglichst breiten Publikumskreisen. Zu hoffen ist, dass ein Anstoß und ein Fundament hierzu gegeben werden können. Als wichtiger Teil der Demokratisierungsgeschichte Deutschlands verdienen die Abläufe in Hamburg 1918/19 allemal eine größere Kenntnis und Beachtung, insbesondere in Zeiten, in denen es dringend notwendig erscheint, immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, wie kompliziert errungen und wie kostbar die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist, in der wir leben. 

Zu den Errungenschaften der Revolution 1918/1919

Dieser Text wurde von Herrn Prof. Dr. Czech für den Begleitband zur Ausstellung „Revolution! Revolution? Hamburg 1918-1919“ im Museum für Hamburgische Geschichte verfasst und in leicht veränderter Form freundlicherweise für die Publikation an dieser Stelle bereitgestellt. 

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Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte