Hunde, Katzen, Ratten: Sülzeskandal in Hamburg

Auszug

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23. Juni 1919 – Der Auslöser: Ekelfleisch bei „Heil & Co.“

Morgen des 23. Juni 1919. Vor den Fabrikationsgebäuden der Firma „Heil & Co.“ in der Kleinen Reichenstraße wurden Fässer mit Fleischabfällen verladen. Dabei nahm eines dieser Fässer Schaden. Schnell versammelte sich aufgrund des bestialischen Gestankes, den der Inhalt des Fasses verströmte, eine kleine Gruppe von Arbeitern vor der Heil’schen Fabrik. Es wurde behauptet, die verladenen Abfällen würden zur Sülzeproduktion verwendet. Tatsächlich aber waren die Abfälle für die „Landleute in Ochsenwerder“, einem Dorf im Landgebiet südöstlich der Innenstadt, zur Verwendung als Düngemittel vorgesehen. Die Menge vor der Fabrik vergrößerte sich rasch. Zufällig waren auch Mitglieder des Arbeiterrates und der Preisprüfungsstelle anwesend, die sich anboten, „die Sache zu untersuchen“. Während der Besichtigung der Kellerräume, in denen die Sülzeproduktion stattfand, holten sie ein Stück Fleisch aus einen Bottich und es sollen die Worte: „Hurra! da haben wir ja einen Hundekopf!“ gefallen sein. Die sich draußen ansammelnde Volksmenge begann nun, das Gebäude zu stürmen, „um sich von dem Zustand der zur Verarbeitung kommenden Stoffe zu überzeugen“. Es gingen Gerüchte um, „es würden Hunde, Katzen, Ratten, die man dort gefunden habe, zu Sülze verarbeitet“. Tatsächlich fand die Menge „Haufen von Fellen und Häuten“ vor, welche „mit einer dicken Schimmelschicht überzogen waren“. Es stand also fest, dass der Heil’sche Betrieb unsauberer war. Die Empörung der Massen drückte sich in roher Gewalt gegen den Fabrikinhaber Johann Jacob Heil aus. Der Versuch der Polizeimannschaften, Heil mithilfe eines Krankenwagens in Sicherheit zu bringen, scheiterte. Die Pferde wurden von der Menge abgespannt und der Wagen mit Heil zum Rathausmarkt gebracht. Die wütende Volksmenge wirft den Sülzeproduzenten in die Kleine Alster. Heil konnte gerettet und von Volkswehrmannschaften in das Rathaus gebracht und dann ins Polizeigefängnis gebracht werden. Am 24. Juni wurden von der Volksmenge weitere Fleischwarenfabriken überprüft. Auch deren Inhaber und Arbeiter sind auf dem Rathausmarkt zur Schau gestellt worden. Ebenso wurde das Kriegsversorgungsamt gestürmt. Viele der von der Volksmenge misshandelten „Verantwortlichen“  konnten durch die Polizei befreit und in Sicherheit gebracht werden. Johann Jacob Heil war hauptberuflich Gerber und handelte folglich mit Tierhäuten. Die Nahrungsmittelproduktion war als Nebenverdienst entstanden, wurde jedoch bald zum Hauptgeschäft Heils. Wie oben bereits erwähnt, konnte nicht festgestellt werden, dass in der Heil’schen Fabrik Katzen, Ratten oder Hunde verarbeitet worden seien, wie es Gerüchten zufolge der Fall gewesen sein soll. Heil verarbeitete jedoch keinesfalls unbedenkliche Rohprodukte. Es wurden zwei Sorten [Sülze] angefertigt, die eine hauptsächlich aus gekalkten, also fast verdorbenen Häuten. Der den Heil’schen Betrieb kontrollierende Beamte war von Beruf Schlachter, also Sachverständiger. Er hat aber anscheinend seine Vorgesetzten in grober Weise getäuscht. Heil wurde am 25. Oktober 1919 „wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz“ aufgrund von Bearbeitung verdorbenen Fleisches mit Kalk zu einer Geldstrafe von 1000 Mark und 3 Monaten Gefängnis verurteilt.

 
24. Juni 1919 Zuspitzung der Unruhen

Die ersten zögerlichen Angriffe auf das Rathaus konnten am 23. Juni noch mit dem Versprechen, man werde sich mit der Angelegenheit befassen, abgewimmelt werden. Die Nacht zum 24. Juni verlief ruhig, aber die Lage am Tage darauf war weitaus bedenklicher. Auf dem Rathausmarkt und seiner Umgebung, sowie in der Nähe des Stadthauses fanden Ansammlungen erregter Mengen, die Ausschreitungen befürchten ließen, statt.


Mit freundlicher Genehmigung des Hamburg-Geschichtsbuchs. Für eine Vertiefung des Themas, lesen Sie bitte auf der Seite Hamburg Geschichtsbuch weiter

Dieser Artikel ist aus Auszügen einer Siegerarbeit im Geschichtswettbewerb 2011 zusammengestellt, welcher dem Hamburg-Geschichtsbuch dankenswerterweise von der Körber-Stiftung zur Verfügung gestellt wurde. Die Gesamtarbeit findet sich hier.

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