Interview zu „Revolution!? Ein Schauspiel zu den politischen Umbrüchen in Deutschland“

Theater Axensprung

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Wie kam es zur Idee, ein Theaterstück zur Revolution 1918/1919 zu konzipieren?

Nach unserem Stück „Weltenbrand“ über den 1. Weltkrieg und dem Nachfolgestück „Kampfeinsatz“, das sich mit der Problematik deutscher Kriegsheimkehrer genau 100 Jahre später befasst, war es nur konsequent, sich dem Ausgang des 1. Weltkriegs zu widmen: welche Chancen boten sich der deutschen Gesellschaft am Ende eines massenvernichtenden Krieges und mit dem Zusammensturz eines völlig überkommenen Obrigkeitssystems? 1918 ist der wahre Beginn der deutschen Demokratie. Das gerät viel zu selten in den Blickpunkt des Interesses. Wir hätten damals auch eine basisdemokratische Räterepublik erhalten können: genau das war aber nicht der gesellschaftliche Wille und entsprechend nicht das Ergebnis.

Wer sind die Protagonisten des Stückes? Welche Rolle spielten sie in der Revolution?

Ein Matrose, eine Arbeiterin und ein aus der Arbeiterschaft stammender Freikorpssoldat sind die Protagonisten. Arbeiter und Soldaten sorgten für die Revolution, die Freikorps zu deren Eliminierung. Wir wollen die Aspekte der Revolution von unten zeigen. Dazu kommt noch eine Liebes-und Dreiecksbeziehung der Protagonisten als Zeichen der eigentlichen Zusammengehörigkeit. Außerdem werden der Hamburger Bürgermeister Werner von Melle und der damalige Vorsitzende des Hamburger Arbeiter/Soldatenrates Heinrich Laufenberg sowie der spätere Reichswehrminister Gustav Noske auftauchen, um die Ereignisse und das revolutionäre bzw. konterrevolutionäre Potential auf politischer Ebene einzufangen.

Wie sind die historischen Ereignisse in das Theaterstück eingeflossen? Wieviel Fiktion steckt im Stück?

Der Matrose, die Arbeiterin und der Freikorpssoldat sind frei erfunden, speisen sich aber aus zahlreichen Erlebnisberichten; die drei letztgenannten sind historische Figuren, die wir wörtlich zitieren bzw. denen wir historisch belegbare  Texte und Taten zuschreiben. Alle Ereignisse sind faktisch richtig, aber da wir Theater spielen und keine Doku vertonen, bleibt Platz für Poesie und Gefühl: von welcher Zukunft träumten die Protagonisten und inwieweit träumen wir heute dieselben Träume?

Woher stammen die historischen Requisiten? Handelt es sich um Originale?

Das Thalia Theater leiht uns zum Glück Kostüme und Waffenrepliken bekommen wir von einem Filmausstatter. Das Museum für Hamburgische Geschichte stattet uns freundlicherweise mit einzelnen Original-Details aus, von denen natürlich nicht mehr viele existieren und die v.a. in der Ausstellung selbst zur Geltung kommen. Dazu kommen Requisiten aus tatsächlich eigenem Familiendepot oder von geberfreundlichen Interessenten.

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Was hat Sie in der Vorbereitung der Theaterfassung und des Stückes am meisten beeindruckt?

Die Menschen damals kommen uns so nahe wie Menschen heute, nur unter extremeren und radikaleren Bedingungen. Das gesellschaftliche Potential dieser absolut neuen Situation nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches damals ist überwältigend: es hätte zu jeglicher staatsrechtlicher Verfassung kommen können, das Ergebnis war offen. Die rechten kriegstreibenden Parteien waren am Boden, jedoch haben sich die Machthabenden statt auf ihre eigene Arbeiterschaft und die eigenen Strukturen leider auf die alten Militär- und Verwaltungsstrukturen gestützt: mehr Mut zur Demokratie wäre am Platz gewesen. Umso erstaunlicher, - oder vielmehr kein Wunder - dass die Revolution 1918/1919 kaum im heutigen Bewusstsein verankert ist. Die Revolution 1918/1919 hat immer noch etwas anrüchiges. Und das ist verfälschtes Bewusstsein und muss sich ändern! Es gab zu Beginn kaum eine friedvollere Revolution.

Welchen Effekt des Theaterstückes auf die Zuschauer wünschen Sie sich?

Spaß, Neugierde und Lust, sich mit diesem Thema im Besonderen und dem Thema gesellschaftlicher Veränderung im Allgemeinen auseinanderzusetzen. Wir sollten froh und – ja! - stolz sein auf diese deutsche Revolution und sie nicht mehr aus unserem kollektiven Gedächtnis zu verdrängen suchen. Blutig wurde sie erst durch die völlig unnötige „Niederschlagung“ von Seiten der selbsternannten Patrioten. Wir wollen die Geschehnisse von damals erlebbar und sinnlich nachvollziehbar machen und damit die Exponate, Texte und Materialien der gegenwärtigen Ausstellung verlebendigen. 

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Das Interview führte Anna Symanczyk mit Erik Schäffler, Regisseur des Theaterstückes „Revolution!? Ein Schauspiel zu den politischen Umbrüchen in Deutschland 1918/19“.