Rezension: Rückblick zum Symposium

Zum Themenjahr 2018/19

Großer Hörsaal Hamburg Museum  Foto Hagen Stier

„Revolution“, so Eric Hobsbawm „war das Kriegskind des 20. Jahrhunderts.“ Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges war „die alte Welt [...] zum Umsturz verdammt“ und die „sinnlosen Leiden des Krieges“ waren zugleich die Geburtsstunde einer „neuen Welt“, deren politische Architektur in den „meisten Ländern Europas“ sich an die Vorstellungen der sozialistischen Parteien anlehnte, allen voran die Russische Revolution. Der historischen Analyse dieses Umsturzes in der Revolution von 1918/19 in Hamburg und Norddeutschland widmeten sich die zahlreichen Vorträge des Symposiums zur Vorbereitung auf die von der Stiftung Hamburgische Museen (vom 25. April 2018 bis zum 25. Februar 2019) geplante Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte mit dem Titel „Revolution! Revolution? Hamburg 1918/19“ anlässlich der hundertsten Wiederkehr der revolutionären Ereignisse. Damit verbanden die Veranstalter das Ziel, so Hans-Jörg Czech (Hamburg) in seinem einleitenden Vortrag, nicht nur die lange „vergessene“ Revolution in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Hafen- und Handelsmetropole Hamburg neu im öffentlichen Bewusstsein der Stadt zu verankern, sondern gleichzeitig die Revolution als dynamisches Ereignis mit zahlreichen Facetten und Ausdrucksformen darzustellen. Daran knüpfte sich auch die Erwartung, mit der Analyse des Revolutionsgeschehens die Transformation des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und urbanen Gefüges der Hafen- und Hansestadt mit neuen aktuellen Ansätzen der Historiografie zu verbinden, die gleichzeitig der Multidimensionalität des Geschehens gerecht wird.

„Revolution“, so Eric Hobsbawm „war das Kriegskind des 20. Jahrhunderts.“

Die ersten Vorträge der Sektionen „Ereignisse und Vergleiche I und II“ widmeten sich der Darstellung der ereignisgeschichtlichen Zusammenhänge des unmittelbaren Ausbruchs der Revolution in Kiel; eine sinnvolle Entscheidung der Organisatoren, da sie in der Folge als Referenzpunkte der systematisierende und vergleichende Analysen des revolutionären Ablaufs in den Küstenstädten und in Hamburg dienten. Martin Rackwitz (Kiel) zeichnete den schnellen Umschlag der Meuterei der Matrosen in Wilhelmshaven in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1918 bis zur Revolution in Kiel, das heißt der Übernahme der politischen Macht durch den Arbeiter- und Soldatenrat unter Führung des als Kommissar nach Kiel gesandten SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske am 4./5. November 1918 nach. Der Ursache der Revolution als Folge des sich während des Krieges dramatisch zuspitzenden Gegensatzes von Matrosen und den leitenden Offizieren auf den Schiffen der Kriegsmarine ging Stephan Huck (Wilhelmshaven) nach. Seine erfahrungsgeschichtlichen Untersuchungen über die Ursachen der Revolution am Beispiel der Tagebuchaufzeichnungen zweier Teilnehmer einer bereits im August 1917 erfolgten Weigerungshaltung von Mannschaften der Seekriegsflotte (der „große Ausmarsch“) zeigten die sozialpsychologische Komponente auf: der Loyalitätsbruch der Matrosen im Oktober 1918 ist auch als eine langfristige Folge der scharfen Disziplinarmaßnahmen der Marineleitung im August 1917 zu interpretieren. Bekanntlich endete diese mit der Anklage zweier Matrosen vor dem Seegericht und schließlich mit deren Hinrichtung.

Jörn Brinkhus (Kiel) stellte die Bezüge zwischen dem Beginn der Revolution an der Peripherie und der dann führenden Machtzentrale Berlin her. Seine Analyse schärfte den Blick für die unterschiedlichen Ausgangslagen und Entwicklungsdynamiken der Revolution in den Städten Norddeutschland wie besonders auch in Bezug auf die Machtzentrale Berlin, besonders im Hinblick auf die Januaraufstände von 1919. Christina Ewald (Hamburg) fokussierte ihren Beitrag auf die Revolution in Hamburg. Sie betrachtete im Wesentlichen den Zeitabschnitt von der Übernahme der politischen Macht durch den Arbeiter- und Soldatenrat am 6. November 1918 bis zu seinem Rücktritt am 30. März 1919. Mit der Unterteilung in drei Phasen  orientierte sie sich an der Dynamik des Machtkonfliktes zwischen MSPD, USPD und Linksradikalen um die konkurrierenden Vorstellungen eines reformistischen und eines sozialistischen Revolutionsmodells. Sie schlug in der Folge den Bogen zur neueren Revolutionsforschung, indem sie auf vielschichtige, manchmal paradox anmutende und gegensätzliche Erscheinungen der Umbruchszeit im hamburgischen Alltag (Freude an Vergnügungen; Mangelerfahrungen) hinwies, deren vertiefende Betrachtung im Zuge der laufenden Forschungen vorgesehen ist.

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Mit freundlicher Genehmigung von www.hsozkult.de

TEXT
Dr. Johanna Meyer-Lenz: Rezension zum Symposium "Die Revolution 1918/19 in Hamburg. Ereignisse, Vergleiche und Bewertungen" In: H-Soz-Kult, (12.02.2018)

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