Revolution in Hamburg

von Matthias Gretzschel

Revolution Hires

Wahnsinn, jetzt noch einmal zu kämpfen! Was sich die Marineführung da in ihren sicheren, bequemen und gut geheizten Konferenzsälen ausgedacht hat, bedeutet für die Soldaten nichts weniger als den Aufbruch in den Untergang.  Fassungslos hat die Besatzung des III. Geschwaders auf den Schiffen „König“, „Markgraf“ und „Großer Kurfürst“ am 29. Oktober 1918 den Befehl gehört, sich zum Auslaufen zu einer großen Entscheidungsschlacht gegen die Royal Navy in der südlichen Nordsee vorzubereiten. Ein Himmelfahrtskommando, das wieder Tausende Tote fordern wird. Doch diesmal werden sie sich von den Herren Admiralen nicht verheizen lassen. Erstaunt nehmen die schneidigen Marineoffiziere an Bord der Kriegsschiffe wahr, dass sich die Matrosen ihren Befehlen diesmal widersetzen.

"Ein Himmelfahrtskommando, das wieder Tausende Tote fordern wird."

Ist das schon Meuterei? Alles Herumbrüllen hilft nicht mehr, auch nicht die Androhung von drakonischen Strafen. Jetzt stehen die Mannschaften zusammen und lassen ihre Vorgesetzten wissen, dass ihr Schiff die Schillig Reede vor Wilhelmshaven nicht Richtung Nordsee verlassen wird. Die Heizer kündigen an, das Feuer in den Kesseln zu löschen, und die Matrosen erklären entschlossen, dass sie sich weigern, die Anker zu lichten. Ja, das ist eine Meuterei, muss die Seekriegsleitung erkennen, die sich daraufhin entschließt, das III. Geschwader über den heutigen Nord-Ostsee-Kanal, der damals noch des Kaisers Namen trägt, zurück nach Kiel zu verlegen, in den Heimathafen.

Am 31. Oktober bricht der Konvoi  Richtung Ostsee auf, was der Marinestation in Kiel per Telegramm mitgeteilt wird. Noch ahnt niemand, dass in der Hafenstadt an der Förde in den nächsten Tagen Geschichte geschrieben wird. Die Nachricht von den Matrosen, die mit ihrer Meuterei eine sinnlose Seeschlacht verhindert haben, verbreitet sich in Kiel wie ein Lauffeuer. Sie erreicht nicht nur die Matrosen der dort liegenden Kriegsschiffe, sondern auch die Arbeiter in den Fabriken. Im vierten Kriegsjahr ist die Stimmung gereizt, die Menschen hungern seit Jahren und sind nicht mehr bereit, der Propaganda zu glauben. Aus Verzweiflung wächst jetzt neuer Mut und die Bereitschaft, sich der Obrigkeit nicht länger zu fügen. Genug ist genug, sagen sich die Marinesoldaten, die sich mit den Arbeitern verbünden, um den Aufstand zu proben. 

"Im vierten Kriegsjahr ist die Stimmung gereizt, die Menschen hungern seit Jahren und sind nicht mehr bereit, der Propaganda zu glauben."

Nach so viel Hunger und Elend, so viel Leid und Hoffnungslosigkeit gehen sie jetzt auf die Straße, um die alte Macht zu stürzen und endlich Frieden zu bekommen. Sie verlassen ihre Schiffe und Fabriken, sammeln sich auf Straßen und Plätzen, setzen den kaiserlichen Militärgouverneur ab und übernehmen die Macht. Nicht in der Reichshauptstadt Berlin, sondern in der Hafenstadt an der Förde wird das Ende des Wilhelminischen Kaiserreichs eingeleitet – und damit auch das Ende des Krieges. Innerhalb kürzester Zeit ist das im ganzen Reich, ja in ganz Europa bekannt. Dank der noch relativ neuen Kommunikationsmittel Telegramm und Telefon verbreitet sich die Nachricht vom Kieler Matrosenaufstand innerhalb von Stunden. 

"Nicht in der Reichshauptstadt Berlin, sondern in der Hafenstadt an der Förde wird das Ende des Wilhelminischen Kaiserreichs eingeleitet – und damit auch das Ende des Krieges."

In Hamburg berichten die Zeitungen am 5. November, einem trüben Spätherbstmontag, von den revoltierenden Matrosen im knapp 100 Kilometer entfernten Kiel. Noch während Bürgermeister Werner von Melle und seine Senatoren mutmaßen, ob der Aufstand der Matrosen nach Hamburg übergreifen wird, erreicht sie die Meldung vom Sympathiestreik der Werftarbeiter bei Blohm & Voss, der Reiherstiegwerft und anderer Werft- und Zulieferbetriebe. „Geht das schon wieder los?“, seufzt einer der Senatoren und erinnert an die Januartage, als Hamburg am Rand eines Bürgerkriegs stand. Mehr als  30.000 verzweifelte Werftarbeiter hatten schon damals spontan die Arbeit verweigert, um das Ende des Krieges zu erzwingen. Sie marschierten in Demonstrationszügen durch die Stadt und trafen sich zu einer Protestveranstaltung im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof. In einer der Resolutionen wurde die „Herbeiführung eines sofortigen Friedens ohne Annexionen“ verlangt. Die konservative Presse beschimpfte die Streikenden als Vaterlandsverräter und forderte, dass „die Staatsgewalt mit Entschiedenheit durchgreifen“ müsse.  Am Vormittag des 29. Januar klingelte bei Werftbesitzer Hermann Blohm der Fernsprecher. Am Apparat war  Adalbert von Falk, stellvertretender kommandierender General in Altona, der Blohm erklärte, dass demnächst Soldaten in seinem Betrieb auftauchen würden. „Jetzt muss das Militär eingreifen, um unter allen Umständen die Ordnung aufrechtzuerhalten“, teilt er dem Industriellen mit. Doch dazu wird es nicht kommen, obwohl tags darauf schon 30.000 Arbeiter im Streik standen, von denen sich trotz polizeilichen Verbots 8000 auf dem Heiligengeistfeld zu einer Kundgebung trafen. Da sich die unterschiedlichen politischen Gruppen aber nicht einig waren, bröckelte bereits am 31. Januar die Streikmoral. Die Streikleitung beschloss schließlich den Abbruch, und spätestens am 2. Februar wurde die Arbeit vollständig wieder aufgenommen. „Mit dem heutigen Tag ist das Ganze wie ein vorübergehender Spuk verschwunden“ schrieb der „Generalanzeiger für Hamburg-Altona“.

"Die Gesellschaft soll grundlegend demokratisiert und alle politischen Gefangenen sofort freigelassen werden.

Ein vorübergehender Spuk – darauf hoffen jetzt auch die Herren im Rathaus, denen dennoch schwant, dass es diesmal anders sein wird. Und tatsächlich überschlagen sich die Ereignisse. Den ganzen Tag über haben sich die streikenden Arbeiter die Köpfe heiß geredet, haben mit Gewerkschaftern und Vertretern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschland (USPD), die sich von der zögerlichen und staatstragenden SPD abgespalten hat, und den Mehrheitssozialisten diskutiert, alle möglichen Forderungen aufgestellt, um sie dann doch wieder zu verwerfen. Die einen raten zur Besonnenheit, andere fordern radikale Aktionen. Schließlich schicken sie 200 Delegierte zu einer Versammlung, die gegen 17 Uhr beginnt. Wieder wird diskutiert, gestritten und schließlich eine Resolution verabschiedet, die aufs Ganze geht: Sofort sollen die Waffen schweigen und Frieden geschlossen werden. Der Kaiser muss abdanken, die Monarchie wird abgeschafft. Die Gesellschaft soll grundlegend demokratisiert und alle politischen Gefangenen sofort freigelassen werden.

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Autorenfoto Matthias Gretzschel

Matthias Gretzschel ist verantwortlicher Redakteur der „Museumswelt Hamburg“, die vierteljährlich im „Hamburger Abendblatt“ erscheint. Der Journalist ist Autor zahlreicher Bücher zu kulturgeschichtlichen Themen.